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«Manche verstehen nicht, dass das bei mir einfach etwas länger dauert»

Nina arbeitet mit dem iPad.

Nina ist auf einem Auge blind und mit dem anderen sieht sie etwa zwanzig Prozent. Trotzdem fährt sie gerne Ski, geht im Sommer ins Schwimmbad und meistert die Schule mit viel Entschlossenheit.

Einmal in der Woche hat Nina eine spezielle Schulstunde mit Edith Vetsch, Heilpädagogin von der obvita Sehberatung. Sie hilft ihr, in der Schule und im Alltag möglichst gut mit der Sehbehinderung zurechtzukommen. Nina ist in der ersten Oberstufe und sehr froh darüber, dass sie in den Regelunterricht darf. Die ersten Lebensjahre war sie oft im Spital. Sie hat das Peters-Plus-Syndrom – eine sehr seltene Erbkrankheit, bei der die Entwicklung des vorderen Augenabschnitts gestört ist und die auch mit weiteren Symptomen wie Herz-, Nierenstörungen und Minderwachstum einhergehen kann. 
 

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Trotz all ihrer krankheitsbedingten, schwierigen Erlebnisse ist Nina ein aufgeschlossenes und kommunikatives Mädchen. Sie freut sich sehr über den Besuch von Edith Vetsch und erzählt ihr, was in letzter Zeit so alles passiert ist. «Ich habe eine neue Brille erhalten, mit der im Werken kein Staub mehr in meine Augen kommt. Das ist super!» Nach dem Austausch trainiert sie mit Edith Vetsch ihr räumliches Vorstellungsvermögen. Da sie kein Stereosehen hat, fällt es ihr schwer, geometrische Figuren zu erfassen und nachzubilden. «Am Anfang waren diese Übungen sehr schwierig, aber es gelingt mir immer besser», sagt sie. Heute gibt es glücklicherweise in der Schule gute Hilfsmittel für sehbehinderte Kinder. Viele Lehrbücher kann Nina direkt auf ihrem iPad vergrössert anschauen. Mit viel Fleiss und Interesse kann sie so mit ihren Mitschülern mithalten und schreibt gute Noten. 

Edith Vetsch begleitet Nina seit zwei Jahren und berät auch die Lehrpersonen, damit sie Nina beim Lernen unterstützen können. Nina soll aber auch lernen, sich selbst zu wehren. Kinder mit einer Behinderung wollen oft nicht auffallen. Doch Nina macht das sehr gut und meldet sich, wenn sie Lernmaterial erhält, das sie nicht lesen kann. Edith Vetsch kümmert sich auch um andere Dinge, die ihr das Leben leichter machen. Dass die Treppe im Schulhaus mit Klebeband markiert wurde, damit Anfang und Ende klar ersichtlich sind. Je nach Sonneneinstrahlung sieht Nina die Treppenstufen gar nicht. Oder dass Nina den Schulweg mit einem Signalstock zu meistern lernt. Dieser zeigt Auto- oder Velofahrern, dass eine sehbehinderte Person die Strasse überqueren möchte.

«Leider haben viele Autofahrer keine Geduld. Wenn sie anhalten und ich nicht gleich über die Strasse gehe, fahren sie wieder los. Sie verstehen nicht, dass das bei mir einfach etwas länger dauert. Ich muss meinen Kopf drehen und gut auf beide Seiten schauen, um sicher zu sein, dass ich gehen kann.»

Zurzeit ist Berufswahlvorbereitung. Nina hat schon beim Radio geschnuppert, bei einem Optiker, in einem Restaurant, bei einer Logopädin und kürzlich in einer Arztpraxis. «Was ich da alles machen durfte, das war toll!», schwärmt sie. «Ich konnte Arztbesteck sterilisieren, zuschauen was mit Blutproben passiert und beim EKG dabei sein. Das kenne ich von meinen eigenen Spitalaufenthalten. Dieser Beruf würde mir gefallen.» Sicher würde ihr da die Freude am Kommunizieren und an Sprachen helfen. Und in der Stunde mit Edith Vetsch, was gefällt ihr da am besten? «Alles, ausser das Ende!» kommt es wie aus der Pistole geschossen.