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Versöhnung mit dem Leben

Frau blättert in Buch in ihrer Wohnung

Isabelle Rozpedowski ist stark sehbehindert und bereits seit 50 Jahren mit obvita verbunden. Heute wohnt sie im externen Wohnen von obvita und erzählt über ihr bewegtes Leben.

Isabelle Rozpedowski wurde 1952 als Richard in Zürich geboren und war geburtsblind. Mit fünf Jahren wurde der kindliche «Graue Star» operiert, seither hat sie ein Sehvermögen von rund zwanzig Prozent. Ihre Eltern liessen sich scheiden, als sie sechs Jahre alt war und Isabelle kam ins Schulheim und Internat Kronbühl in St. Gallen. Sie vermisste ihre Mutter und fühlte sich zunehmend entfremdet von ihr. 

Schon als Kind bemerkte sie, dass sie lieber eine Frau sein wollte und zog manchmal Mädchenkleider an. Die anderen Kinder verspotteten und beschimpften sie. In dieser Zeit begannen die Depressionen. Mit 16 Jahren machte sie eine Anlehre als Betriebsarbeiter in der Lehrwerkstätte Metall des OBV und wohnte im Blindenheim. Ob sie diese Arbeit machen und dort wohnen wollte, wurde sie nicht gefragt. Gerne hätte sie studiert – ihre Wünsche oder Begabungen waren aber kein Thema in der Berufsberatung. 

Als junge Erwachsene ging sie als Frau an die Fasnacht. Doch das Gefühl war nicht so, wie sie es wollte. Es sollte kein Spass sein. Sie sprach die damaligen Betreuer im Heim auf dieses Gefühl an, doch es wurde als Blödsinn abgetan. Damit war das Thema fertig. Lange Jahres des Leidens folgten. Sie machte Therapien – auch wenn ihr diese oft nicht gefielen, weil sie sich unverstanden fühlte, als abnormal und krank «abgestempelt». Als Ausgleich begann sie zu lesen; Bücher über Frauenrechte, weibliche Spiritualität, Patriarchat oder Lebenshilfe. Auch heute noch ist dies ihre grosse Leidenschaft. 

Das Gefühl und der Wunsch, eine Frau zu sein, tauchte immer wieder auf, auch in Gesprächen mit der langjährigen Betreuerin im externen Wohnen. Im 2015 fasste sie den Mut und meldete sich für die Transition (Prozess der Angleichung an die Geschlechtsidentität) im Kantonsspital an. Nach einigen Rückschlägen – ein Arzt wollte beispielsweise nicht bestätigen, dass sie sich als Frau fühlte, was erforderlich war für die Krankenkasse – wurde die Hormontherapie bewilligt. Das weitere Vorgehen war harzig; die Ärzte in St. Gallen waren noch unerfahren in dieser Thematik. Doch eine Ärztin nahm ihr Anliegen sehr ernst, kontaktierte Fachleute und informierte sich. Eines Tages rief sie an und teilte freudig mit, sie wisse jetzt, wie’s gehe. 

Die meisten Leute sind nett zu mir. Man muss halt auch selber etwas dazu beitragen. Ich fühle mich heute sehr akzeptiert.

Isabelle begann mit einem schwachen Hormonpräparat. Etwas in ihr veränderte sich. Sie träumte von einem Vulkanausbruch – und so fühlte sich ihr Leben in diesem Moment an. Es begann zu brodeln in ihr, die angestaute Wut wollte ausbrechen. Sie dachte mit Groll an die Personen zurück, die ihr in ihrem Leben nicht wohlwollend begegnet waren. Nach zwei Tagen war es plötzlich vorbei, sie verspürte einen inneren Frieden. Sie war glücklich, dass sie endlich jemand ernst genommen hatte. Nach diesen Tagen fiel ihr alles leichter, sie ging sogar gerne zur Therapie. 

Bei einer Anpassung an die gewünschte Geschlechtsidentität muss vieles gleichzeitig ablaufen, damit kein Durcheinander entsteht: sozial, medizinisch/ psychiatrisch und rechtlich – wie Zahnräder, die ineinanderlaufen. Das wusste Isabelle aus der Fachliteratur und aus Gesprächen mit ihrer Beiständin. Sie stellte im 2016 ein Gesuch für Namen- und Personenstandsänderung an das Kreisgericht St. Gallen. Es sei ein strenges Verhör gewesen, wie eine Kriminelle sei sie sich vorgekommen. Die Gerichtskosten von rund 1000 Franken bezahlte sie selbst. Im Januar 2017 kam das Urteil, die Veränderung war rechtskräftig. Sie freute sich. Ihr Umfeld ging unterschiedlich damit um. Einige fanden es unnötig und unverständlich, andere freuten sich mit ihr. 

Die meisten Leute seien nett zu ihr, sie fühle sich heute sehr akzeptiert. Es sei eben ein gewisser Lernprozess. «Du musst selber auch etwas dazu beitragen», sagt sie. Früher, als Richard, war sie oft schlecht gelaunt, fluchte laut und rief aus. Heute habe sie eine positivere Einstellung, gehe freundlich auf Leute zu. Und so komme es auch freundlich zurück. Eine ganz andere Lebensqualität. 

So war sie kürzlich auf einer Leserreise mit dem Tagblatt in Hamburg. Das war gelebte Inklusion, sagt sie. Niemand schaute sie komisch an, es wurde gar nicht geredet «darüber». Es war eine tolle Reisegruppe und sie wurde gut aufgenommen. Die Stadt und die Elbphilharmonie begeisterten sie. 

Jetzt ist Isabelle Rozpedowski pensioniert und hat sich mit dem Leben versöhnt. Die Hormone nimmt sie weiterhin, auch Medikamente gegen Depressionen. Sie fühlt sich feminin, innerlich wie äusserlich. Ihre Beiständin ist mittlerweile eine gute Freundin, mit der sie alles besprechen kann. In der Wohnbegleitung von obvita fühlt sie sich wohl und getragen. Ihr nächstes Ziel ist, öffentliche Vorlesungen an der Universität St. Gallen zu besuchen und sich auf diesem Weg weiterzubilden.

Wer mehr erfahren möchte über trans Menschen: www.tgns.ch