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Viele kleine Dinge machen den Unterschied

8jähriges Mädchen in der Schule am iPad mit Lehrer

Mara ist achtjährig und geht in die 2. Klasse. Während einer Lektion pro Woche begleitet sie Ueli Kronbach, Heilpädagoge von der obvita Sehberatung. Er hilft ihr, im Unterricht zurechtzukommen. Nicht, dass sie Probleme mit dem Schulstoff hätte – sie ist eine fleissige und begabte Schülerin und liest bereits wie eine Drittklässlerin. Aber Mara hat einen «Nystagmus», ein sogenanntes Augenzittern, sowie einen verkleinerten Sehnerv. Das heisst, sie hat ein Sehvermögen von rund 30 bis 40 Prozent. 

Ueli Kronbach bespricht mit Mara, wie es ihr in der Schule geht und wie sie die Hilfsmittel einsetzt, die ihr zur Verfügung stehen. Seit dem Sommer hat sie ein iPad. Damit kann sie den Lehrstoff individuell vergrössern und gut lesen. Sie lernt, welche Programme sie wofür nutzen kann – zum Beispiel auch, ihre Hausaufgaben zu fotografieren und zuhause in der richtigen Grösse verfügbar zu haben. Zu Beginn sorgte sich Mara bezüglich iPad – was, wenn die anderen Kinder eifersüchtig wären oder sie deswegen hänseln würden? Mittlerweile nimmt sie es leichter und auch für die anderen Kinder ist es nichts Ungewöhnliches mehr. Mara hat auch mehr Eigenverantwortung. Das iPad muss immer dabei und aufgeladen sein, sie muss Ordnung in ihren Dateien haben und Sorge dazu tragen. Ganz schön viel Verantwortung für eine 2. Klässlerin – aber Mara macht es sehr gut und beklagt sich nicht. 

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Auch andere Hilfsmittel kommen zum Einsatz: eine transportable Leuchte zum Beispiel oder eine grosse Leselupe. «Schau mal, in diesem Text sind lauter Tiernamen versteckt, findest du sie? Lies einfach mal laut». «Ah, genau», stellt Mara fest, «jetzt habe ich’s gehört, der Wal», meint sie und schmunzelt. Die beiden sind mittlerweile ein eingespieltes Team und lachen viel gemeinsam. Das war nicht immer so. Zu Beginn der Schule war Mara nicht begeistert, als Einzige mit einem speziellen Lehrer üben zu müssen. Sie wollte nicht anders sein als die anderen und hatte das Gefühl, alles auch so können zu müssen. Weil sie die Details einer Umgebung nicht auf einen Blick wahrnehmen kann, muss sie sich vieles merken. Sie hat gelernt, so geschickt zu fokussieren, dass ihre Sehbeeinträchtigung gar nicht gross auffällt. Dies kostet jedoch viel Kraft. Früher führte dies mitunter zu körperlicher Überforderung und dazu, dass Mara weinte, wenn ihr alles zu viel war. Auf ihre Sehbehinderung wollte sie nicht angesprochen werden. 

Ueli Kronbach entschied sich für eine unkonventionelle «Schulstunde». Er nahm sie mit zu einer älteren, selbstbewussten Schülerin mit der gleichen Sehbehinderung. Die beiden fanden sogleich einen Draht zueinander und tauschten sich aus. Dies ermutigte Mara, die Hilfestellungen anzunehmen und ihren Weg selbstbewusster zu gehen. 

Es sind auch hier die kleinen Dinge, die einen Unterschied machen. Den Arbeitsplatz schräg einzurichten, damit die Schrift optimal lesbar ist. Die Noten im Flötenunterricht grösser zu machen. Ein dicker, dunkler Stift für Notizen. Ein roter statt ein weisser Ball – denn Mara macht im Turnen alles gerne mit; auch wenn’s mal blaue Flecken gibt, weil sie nicht alle Hindernisse sieht. Ein Ziel von Ueli Kronbach ist es, dass Mara lernt, ihre Bedürfnisse zu erkennen und sie selber zu äussern. Auch dies üben sie gemeinsam, bis es klappt. Nächstens fängt sie an zu reiten und freut sich schon sehr darauf, denn sie liebt Tiere. Ihre Eltern unterstützen sie, wo sie können und freuen sich über ihre Fortschritte. 

Die Eltern von Mara haben eine Website für Eltern von Kindern mit Sehbehinderungen erstellt, welche den Austausch zwischen Eltern auf einfache Art und Weise ermöglicht.