Biografie Viktor Altherr

Ein großes, historisches Gebäude mit zahlreichen Fenstern und steilen Dächern, umgeben von hohen Bäumen und Pflanzen. Das Gebäude ist drei Stockwerke hoch, mit dekorativen Elementen und Schornsteinen, vor der Kulisse eines dichten Waldes.
Portrait Viktor Altherr, Gründer von obvita Ostschweizerischer Blindenfürsorgeverein.

Ich bin der Meinung, dass alles Gute, das auf Erden geschieht, ausschliesslich von Gott und nicht von Menschen herrührt und nur ihm verdankt werden darf. So erachte ich es als eine besondere Güte und Freundlichkeit Gottes, wenn er mich als Werkzeug zum Wohle meiner Mitmenschen gebraucht hat. Hiefür braucht es kein Denkmal. Im Gegenteil – ich muss Gott dankbar sein für alles, was er mir im Leben zu Gunsten meiner Mitmenschen geraten liess. Daneben liegt noch vieles, das nicht geraten ist und das meiner menschlichen Unzulänglichkeit zu Lasten zu schreiben ist. Das wird meine Lebens-Auffassung bleiben, bis Gott mich heimholt und das Gute, das ich leisten durfte, zurückkehrt zum Ursprung alles Guten, zu unserm Herrn und Meister, der uns die Lebensaufgaben anvertraut.

Ulrich Victor Altherr
Quelle: Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, App b 6606.

Ulrich Victor Altherr wird am 2. Juni 1875 als Sohn des Lehrers Johann Ulrich Altherr und der Elise geborene Mock in Oftringen bei Zofingen geboren. Er ist das zweitälteste von insgesamt vier Kindern. Sein Vater, im Ratholz in Trogen in einer bäuerlichen Grossfamilie aufgewachsen, wirkte als Lehrer in Walzenhausen, Speicher, Friedheim in Bubikon (Kanton Zürich), an der Privatschule Schmid sowie der Gemeindeschule Herisau. Seine Mutter Elise Mock stammte aus Wolfhalden und war bis zur ihrer Heirat Kindergärtnerin in der Hüttschwendi bei Trogen. Viele Lebens- und Arbeitsstationen prägen den jungen Ulrich. Er hilft regelmässig im elterlichen Haus, unterstützt seine Familie bei handwerklichen Arbeiten und geht dem Vater bei pädagogischen Aufgaben zur Hand. Sein christlich-soziales Umfeld beeinflusst ihn stark.

Studium, Engagement, Sensibilisierung

Nach Abschluss der Realschule beginnt er ein vierjähriges Studium im evangelischen Lehrerseminar in Zürich-Unterstrass. Nach seiner ersten Stelle als Lehrer an den beiden Gesamtschulen Gätziberg und Warmisberg im Sankt Galler Rheintal, besucht er die Rekrutenschule in der Kaserne St. Gallen und nimmt danach eine neue Lehrerstelle an der Unterschule im Vorderdorf Trogen an. Bereits zu Beginn seiner Lehrtätigkeit beschäftigen ihn soziale Fragen. Er führt Nachhilfestunden für damals sogenannte «Schwachbegabte» ein. Auf ihn aufmerksam geworden, sendet ihn der Pfarrer, Schulratspräsident und spätere Landammann und Nationalrat Arthur Eugster an Weiterbildungskurse nach Zürich. Ein dort gehörter Vortrag des Direktors der «Zürcherischen Blinden- und Taubstummenanstalt» Gotthilf Kull sensibilisiert ihn für das Schicksal der Blinden. Zurück in Trogen heiratet er am 12. November 1903 die als Arbeitslehrerin tätige Anna Huber aus Mettendorf im Thurgau. Sie bleibt ihm zeitlebens eine wichtige Stütze und nimmt aktiv Anteil an seinem Wirken. Am 1. Oktober 1906 gibt er seine Lehrtätigkeit in Trogen auf und zieht mit seiner Familie an die Espenmoosstrasse in St.Gallen, um sich ganz seinen sozialen Tätigkeiten zu widmen.

Gründung Ostschweizerischer Blindenfürsorgeverein und mehr

Vor allem konzentriert er sich auf das Blindenfürsorgewesen. Bereits im Jahr 1901 gründet er den «Ostschweizerischen Blindenfürsorgeverein», dessen Präsidium der Sankt Galler Kantonschemiker Gottwald Ambühl übernimmt. Der Verein zählt zur Gründung bereits über 1’600 Mitglieder, bald werden es mehr. Potente Geldgeber, unter anderem Martha Fiane, die blinde Tochter des ehemaligen Direktors der «Versicherungs-Gesellschaft Helvetia, St. Gallen» ermöglichen die Eröffnung eines Ladens mit von Blinden hergestellten Gebrauchsartikeln an der Webergasse (1901) und den Bau eines Blindenheims an der Bruggwaldstrasse im Heiligkreuz (1907), dessen Leitung Altherr selbst übernimmt. Massgeblich mitbeteiligt ist er auch an der Gründung des «Schweizerischen Zentralvereins für das Blindenwesen», er leitet das Aktuariat des Vereins bis 1934.

Werkstätte, Lehrstellen, Ausbildungskurse

Im April 1920 genehmigt die Hauptversammlung den Ankauf der an das Blindenheim angrenzenden Wirtschaft zur «Fernsicht», die als Blindenasyl für ältere und kränkliche Blinde umgebaut wird. Drei Jahre später wird es um ein Werkstattgebäude erweitert. Für die Aufnahme betagter Blinder dient erst ein Teil des Kurhauses «Obere Waid», bevor auch sie in einem Blinden-Altersheim, das 1929/30 neben den anderen Gebäuden zum Stehen kommt, eine Bleibe finden. Neben solchen Infrastruktur-Projekten ist Altherr bemüht, das gesellschaftliche Bild gegenüber den Blinden zu verändern. Durch seine angebotenen Lehrstellen und Ausbildungskurse für Blinde stärkt er ihren Platz in der Gesellschaft und gibt ihnen Selbstvertrauen. Darüber hinaus fördert er die Zusammenarbeit in der eidgenössischen Fürsorgelandschaft.

Interkantonale Zusammenarbeit, Gründung Pro Senectute und Pro Infirmis

Mit der Einberufung der «Schweizerischen Konferenz für das Blindenwesen», der Gründung einer «Zentralstelle» und seinem Programm für den Auf- und Ausbau der interkantonalen Zusammenarbeit überwindet er die teilweise starren föderalistischen Strukturen des frühen Fürsorgewesens. Massgeblich mitbeteiligt ist er an der Gründung der Stiftung «Für das Alter» (später «Pro Senectute») und der Vereinigung «Pro Infirmis».

Im Alter von 65 Jahren tritt er aus der Direktion der Blindenanstalt zurück. Sein Nachfolger wird sein Schwiegersohn Hermann Habicht aus Schaffhausen. Fünf Jahre später, am 18. September 1945 stirbt Ulrich Victor Altherr im Alter von 70 Jahren.

Portrait Oliver Ittensohn, Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden

Autor

Oliver Ittensohn ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden.