Interview mit Historiker Oliver Ittensohn

Portrait Oliver Ittensohn, Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden
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«Altherr wollte nicht Mitleid organisieren, sondern Möglichkeiten schaffen.»

Ulrich Victor Altherr (heutige Schreibweise: Viktor Altherr, Anm.) war für die Geschichte von obvita zentral. Er war sozial in der Region verankert, nicht zuletzt, weil er es geschafft hat, viele Menschen von seiner Idee eines Blindenfürsorgevereins zu überzeugen. Warum weiss man trotzdem so wenig über ihn? Wir sind mit Historiker Oliver Ittensohn auf Spurensuche gegangen.

Viktor Altherr hat extrem erreicht, dennoch gibt es nur wenig Informationen über ihn. Weshalb?
Das ist tatsächlich erstaunlich. Altherr ist keine Person, zu der man einfach auf gut erschlossenes Material zugreifen kann. Schon der Umstand, dass er im Historischen Lexikon der Schweiz nicht vorkommt, sagt einiges. Offenbar hat sich bisher niemand vertieft und systematisch mit ihm beschäftigt. Das heisst aber nicht, dass er unwichtig gewesen wäre – im Gegenteil. Wenn man die wenigen Spuren anschaut, wird schnell klar: Das war eine ausserordentlich aktive und einflussreiche Persönlichkeit.

Ist Altherr also eine Art blinder Fleck der (Ost)-Schweizer Geschichtsschreibung?
Ja, das kann man so sagen. Er hätte es verdient, stärker bekannt zu sein. Gerade bei solchen Persönlichkeiten wäre es spannend, genauer hinzuschauen: Was hat er konkret gemacht, mit wem hat er zusammengearbeitet, wie sind seine Netzwerke entstanden? Oft wird in der Rückschau vieles auf eine Person zugespitzt. Aber hinter solchen Lebenswerken stehen fast immer auch weitere Menschen, die mitgetragen haben und später aus dem Blick geraten.

Was macht Altherr historisch so interessant?
Er steht exemplarisch für eine Zeit, in der soziale Initiativen sehr stark an Einzelpersonen hingen. Um 1900 gingen viele Impulse nicht vom Staat aus, sondern von Vereinen, Stiftungen und engagierten Persönlichkeiten. Das sieht man bei Waisenhäusern, Spitälern oder anderen Fürsorgeeinrichtungen. Auch bei Altherr war das so. Solche Projekte waren oft nicht nur das Werk eines Einzelnen, sondern wurden sehr schnell zu Familienprojekten. Die Ehefrau arbeitete mit, Verwandte halfen mit, oft trugen ganze Netzwerke ein solches Werk.

Was könnte Altherr motiviert haben, sich so stark für blinde Menschen einzusetzen?
Das ist eine der spannendsten Fragen, aber auch eine der schwierigsten. Menschen wie Viktor Altherr erklären ihre Motive selten ausdrücklich. Man kann also nur Annäherungen versuchen. Vielleicht war es religiöse Prägung, vielleicht ein aufklärerischer Gedanke, also die Überzeugung, dass jeder Mensch Fähigkeiten entfalten können soll. Vielleicht war es auch ein persönliches Hineinwachsen in eine Aufgabe. Gerade das macht Altherr interessant: Er hatte einen angesehenen Beruf als Lehrer und entschied sich dennoch für einen Weg, der mit Unsicherheit, Rückschlägen und grossem finanziellem Aufwand verbunden war.

Portrait Oliver Ittensohn, Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden

Viele Menschen mit Beeinträchtigungen galten pauschal als nicht arbeitsfähig. Blinde wurden oft vor allem als hilfsbedürftig wahrgenommen.

Was war die gesellschaftliche Situation damals?
Man muss sich klarmachen, wie stark das Denken jener Zeit von Leistung, Nützlichkeit und bürgerlicher Selbstverantwortung geprägt war. Gerade in einer liberal-bürgerlichen Gesellschaft wie St. Gallen war die Vorstellung verbreitet, dass grundsätzlich alle die gleichen Chancen hätten und sich selbst behaupten müssten. Wer aus dieser Ordnung herausfiel, war schnell auf kirchliche oder private Hilfe angewiesen. Der Staat hielt sich lange zurück. Unterstützung ja – aber möglichst, ohne zu stark einzugreifen. Das ist ein klassisch liberales Spannungsfeld.

Was bedeutete das konkret für blinde Menschen?
Die Ausgangslage war hart. Viele Menschen mit Beeinträchtigungen galten pauschal als nicht arbeitsfähig. Blinde wurden oft vor allem als hilfsbedürftig wahrgenommen. Schon allein zu zeigen, dass blinde Menschen arbeiten und leisten können, war deshalb ein grosser Schritt. Genau hier scheint Altherr sehr praktisch gedacht zu haben. Er wollte nicht Mitleid organisieren, sondern Möglichkeiten schaffen. Wenn blinde Menschen etwas herstellen, verkaufen und damit sichtbar Teil der Gesellschaft werden, verändert das auch ihren gesellschaftlichen Status.

Das heisst: Es ging auch um Teilhabe durch Arbeit?
Unbedingt. In einer Gesellschaft, in der Arbeit auch damals einen hohen Wert hatte, bedeutete Arbeitsfähigkeit auch Zugehörigkeit. Wer arbeiten konnte, war nicht mehr einfach am Rand. Das hatte nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine psychologische Bedeutung. Arbeit konnte Selbstwert stiften, Zugehörigkeit schaffen und das Gefühl geben, gebraucht zu werden. Das war für viele sicher enorm wichtig.

Heute wirkt der damalige Fürsorgebegriff oft fremd. Wie muss man ihn einordnen?
Fürsorge war damals ein sehr breites Feld. Es gab noch nicht die klaren Kategorien, die wir heute kennen. Auch die Sprache war eine ganz andere und aus heutiger Sicht oft abwertend. Menschen wurden in Sammelbegriffen erfasst und eher verwahrt als individuell begleitet. Gleichzeitig darf man nicht übersehen, dass es innerhalb dieser Strukturen auch Bewegungen gab, die neue Chancen eröffneten. Genau das macht Menschen wie Altherr historisch interessant: Sie bewegten sich in den Denkmustern ihrer Zeit und schufen trotzdem neue Räume.

Lange Zeit gab es das Bild des «Heimvaters». Was sagt das über diese Zeit aus?
Sehr viel. Solche Einrichtungen waren stark familiär gedacht. In Berichten erscheinen Gründer und Leiter oft als Vaterfiguren, manchmal fast wie Ersatzeltern. Das wirkt aus heutiger Sicht fremd, teilweise auch problematisch. Aber es zeigt, wie eng karitative Hilfe und häusliche Vorstellungen damals zusammengehörten. Das Soziale war noch wenig professionalisiert. Vieles lief über persönliche Autorität, Nähe und ein stark idealisiertes Familienbild.

Portrait Oliver Ittensohn, Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden

Altherr würde mit Stolz anerkennen, dass sein Grundgedanke geblieben ist: Menschen mit Beeinträchtigungen sollen nicht am Rand stehen, sondern ihren Platz in der Gesellschaft haben.

Wann begann sich das zu verändern?
Schrittweise im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Vor allem ab den 1940er-, 1950er- und 1960er-Jahren wurde Fürsorge stärker geregelt und professionalisiert. Mit den Sozialwerken und dem Ausbau staatlicher Zuständigkeiten entstand mehr Verbindlichkeit. Es sollte nicht mehr vom Wohnort abhängen, ob Menschen gute Unterstützung erhielten oder nicht. Gleichzeitig blieb vieles weiterhin bei Vereinen und Stiftungen. Auch das ist eine wichtige Kontinuität: Der Staat übernahm mehr Verantwortung, aber private Initiativen blieben prägend.

War Altherr also eher Kind seiner Zeit oder Vorausdenker?
Wahrscheinlich beides. Er war klar in seiner Zeit verankert, aber er scheint in vielem weitergedacht zu haben. Gerade die Vernetzung über einzelne Institutionen hinaus ist bemerkenswert. Er dachte nicht nur lokal, sondern arbeitete an übergeordneten Strukturen mit. Das zeigt, dass er nicht einfach ein Heimpionier im kleinen Rahmen war, sondern jemand, der grössere Zusammenhänge sah.

Was bleibt, wenn man heute auf Altherr schaut?
Zunächst einmal die Einsicht, dass wir über ihn noch viel zu wenig wissen. Und dann die Erkenntnis, dass soziale Geschichte oft von Menschen geprägt wurde, die mit grosser Beharrlichkeit Räume geöffnet haben, bevor der Staat dafür Strukturen schuf. Altherr gehört zu diesen Persönlichkeiten. Gerade deshalb lohnt es sich, ihn nicht als Heldenfigur zu verklären, sondern ihn differenziert zu betrachten. Erst dann wird er wirklich interessant.

Wenn Viktor Altherr heute obvita sehen könnte, was würde er sagen?
Mit dem Wenigen, das wir über wissen, kann man sagen, dass er vermutlich begeistert davon wäre, wie stark sich aus den bescheidenen Anfängen eine vielfältige und professionelle Organisation entwickelt hat. Wahrscheinlich würde ihn freuen, dass aus Fürsorge im alten Sinn immer mehr Begleitung, Teilhabe und Selbstbestimmung geworden sind. Und er würde mit Stolz auch anerkennen, dass sein Grundgedanke geblieben ist: Menschen mit Beeinträchtigungen sollen nicht am Rand stehen, sondern ihren Platz in der Gesellschaft haben.

Portrait Oliver Ittensohn, Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden

Oliver Ittensohn

ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden.

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