Kein Licht, und doch hell in der Birne

Ein junger Mann mit kurzen Haaren und einem leichten Lächeln sitzt in einem hellen Klassenzimmer mit leeren Tischen, großen Fenstern und einem Whiteboard im Hintergrund.

Lazar steht kurz vor der Matura und gehört zu den stärkeren Schülern seiner Klasse. Dass er blind ist, ändert daran nichts. Ausser, dass seine Geschichte zeigt, wie viel möglich ist, wenn man an sich glaubt und die richtige Unterstützung bekommt.

«Er ist ein sehr guter Schüler und liegt im oberen Bereich mit seinen Noten», sagt Julian Iriogbe. «Und es ist faszinierend, wie schnell er sich den ganzen Stoff über das Gehör aneignet.» Julian ist Visiopädagoge bei obvita und begleitet Lazar Gajic schon seit mehreren Jahren. Er kennt seinen Schulalltag bestens, kümmert sich um neue Lehrmittel, sorgt für deren digitalen Übertragungen und hilft ihm bei Online-Recherchen und anderen Dingen, wie z. B. bei der Anwendung eines speziell für Blinde entwickelten Taschenrechners. Für Aussenstehende ist es kaum vorstellbar, dass ein blinder Mensch einen normalen Schulalltag bewältigen kann, Lazar hingegen sieht das anders: «Ich fühle mich wie ein ganz normaler Schüler».

Zwei Männer sitzen nebeneinander an einem Tisch und arbeiten jeweils an einem HP-Laptop. Einer trägt ein schwarzes Hemd, der andere einen roten Kapuzenpulli. Sie befinden sich in einem hellen Raum mit einem bunten Poster an der Wand hinter ihnen.
Eingespieltes Team: Julian Iriogbe und Lazar Gajic (v.l.)

Lernen mit Gehör, KI und Klassenassistenz

Die Unterrichtsmaterialien sind speziell für Lazar aufgearbeitet und als Word-Dokumente zugänglich. Screenreader-Tools wie JAWS oder NVDA sprechen ihm die Inhalte vor und wenn Lazar lernt, hört er sich den Stoff an, schreibt Zusammenfassungen oder lässt sie sich von ChatGPT generieren. «Dann lese ich mir die Inhalte ein paar Mal durch und erkläre sie anderen Mitschülern, um mir den Stoff besser einprägen zu können», erläutert Lazar. «Wenn die Sprachausgabe läuft, komme ich kaum hinterher», sagt Julian und lacht. Auch im Schulalltag funktioniert vieles erstaunlich gut. Es gibt kaum ein Fach, das Lazar schwerfällt; einzig in den Fächern Chemie und Mathe ist es anspruchsvoller, da vieles mit Abbildungen erklärt wird. In solchen Situationen unterstützt ihn seine Klassenassistenz, die von der IV gutgesprochen wird. Auch die Lehrpersonen seien top und würden den Unterricht gut aufbauen, betont er, bei Prüfungen bekomme er mehr Zeit. Und nach der Schule? Da macht er gerne was mit seinen Freunden, geht ins Fitnessstudio und zum MMA-Training (Vollkontakt-Kampfsportart).

Aus unerklärlichen Gründen blind

Dass Lazar so selbstverständlich seinen Weg geht, war noch vor einigen Jahren nicht vorhersehbar. Er ist ungefähr zwölf Jahre alt, als ihn plötzlich Schwindelattacken plagen, die bis zum Erbrechen führen. Der Augenarzt stellt lediglich einen minimalen Verlust der Sehkraft fest. Erst nach mehreren Tests in der Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen wird ein gutartiger Hirntumor entdeckt, der den Druck im Kopf massiv erhöht. Die erste Operation verläuft gut, der Druck des Hirnwassers wird reduziert. In einer zweiten Operation wird der Tumor entfernt; der Eingriff ist erfolgreich, die Sehschwäche jedoch bleibt. Beim dritten Eingriff soll der externe Abfluss des Gehirnwassers entfernt werden. Als Lazar aus der Narkose erwacht, fragt er seine Mutter: «Wer hat denn das Licht ausgeschaltet?» In diesem Moment wird klar: Lazar ist blind. Trotz vieler Untersuchungen können die Ärzte keinen konkreten Grund für die Erblindung feststellen.

Ein junger Mann mit kurzen Haaren und einem leichten Lächeln sitzt in einem hellen Klassenzimmer mit leeren Tischen, großen Fenstern und einem Whiteboard im Hintergrund.
Geht seinen Weg: Lazar Gajic (Bild aus 2023)

Unterstützung von allen Seiten

«Am Anfang war ich geschockt, konnte es nicht realisieren, dass ich nicht mehr sehen kann», erinnert sich Lazar. «Später war ich optimistisch, dass ich mein Leben mit Hilfe meiner Familie und Freunden schaffen kann.» Er lernt, sich neu zu orientieren, am weissen Stock zu gehen, mit Hilfsmitteln zu arbeiten, sein Gehör zu trainieren und neue Strategien zu entwickeln. Von allen Seiten bekommt er Unterstützung – von seiner Familie, seinem Umfeld und den Fachpersonen von obvita.

Ein klares Ziel vor Augen

«Unsere Aufgabe ist es, für jede Person individuelle Lösungen zu finden», sagt Julian. Die beiden treffen sich ein Mal pro Woche, besprechen die anstehenden Aufgaben und tauschen sich über die verschiedenen Schulthemen aus. Auch die Abstimmung mit Lehrpersonen gehört in Julians Verantwortung. «Ohne diese Unterstützung könnte ich meinen schulischen Weg nicht so gehen», ist Lazar dankbar. Heute steht er kurz vor der Matura und denkt bereits an die Zukunft. Er möchte Rechtswissenschaften studieren, später vielleicht eine eigene Kanzlei führen. Was er sich von sehenden Menschen wünscht? Kein Mitleid, sondern das Bewusstsein: «Blinde Menschen brauchen nicht immer eine extra Wurst und funktionieren wie normale Menschen». Und ergänzt schmunzelnd: «Auch wenn man blind ist, hat man trotzdem etwas in der Birne.»


Info

Was obvita sehbeeinträchtigten jungen Menschen auf allen Ausbildungsstufen bietet:

• Visiopädagogik in Zweierteams (Ausfallsicherung)
• Sicherstellung der notwendigen Lehrmittel
• Information und Weiterbildung der Lehrpersonen
• Ausbildung von Schulassistenzen zur individuellen Begleitung
• Unterstützung bei Anträgen und Finanzierung von Hilfsmitteln durch die IV

Weitere Beiträge