KI-Podcast mit Viktor Altherr

Ein Schwarz-Weiß-Porträt eines älteren Mannes mit Brille und Anzug, über dessen Gesicht ein großes gelbes Lautstärkesymbol eingeblendet ist.

Was Viktor Altherr heute sagen würde

Im KI-Podcast begegnen wir Viktor Altherr als Stimme aus der Geschichte. Quellenbasiert, fiktiv und mit Blick auf die obvita von heute. Was würde ihn überraschen? Was würde er wiedererkennen? Und was würde er uns über Teilhabe, Arbeit und Verantwortung sagen? Das alles gibt es im KI-Podcast mit Viktor Altherr. Der Podcast ist Teil unserer Auseinandersetzung mit Viktor Altherr und seinen Leistungen: obvita.ch/viktor.

Podcast

Willkommen zu einer ganz besonderen Folge unsere Jubiläumspodcasts. 125 Jahre obvita. 125 Jahre Engagement für Menschen mit Beeinträchtigungen. Ich freue mich sehr heute auf wunderbare Weise, Viktor Altherr begrüssen zu dürfen, der gar nicht mehr unter uns weilt.

Ich grüsse Sie und hoffe, dass Sie Nachsicht haben, wenn meine Sprache ein wenig aus der Zeit gefallen klingt. Es ist mir eine Ehre, hier zu sein, auch wenn ich nicht recht begreife, wie das möglich ist. Vielleicht ist es ja manchmal so, dass eine gute Geschichte jemanden künstlich zurückholen darf, zumindest für ein Gespräch.

Und Ihre Geschichte ist wahrlich aussergewöhnlich. Herr Altherr, wir freuen uns riesig. Vielleicht beginnen wir mit Ihnen.

Wer waren Sie und was hat Sie damals bewegt? Nun, ich wurde 1875 in Trogen geboren, als zweites von vier Kindern. Mein Vater war Lehrer, ein strenger, aber gerechter Mann. Wir mussten alle mit anpacken.

Es war eine einfache Zeit, aber sie hat mich gelehrt, Verantwortung zu tragen. Der Glaube spielte in unserer Familie eine grosse Rolle. Für mich war immer klar, wenn etwas gelingt, dann nicht aus eigener Kraft, sondern weil Gott es so fügt.

Wir sind seine Werkzeuge, nicht mehr und nicht weniger. Nach der Schule kam das Lehrseminar in Zürich, eine prägende Zeit. Dann der Militärdienst und schliesslich meine erste Lehrerstelle in Trogen.

Meine Eltern wollten, dass ich Lehrer oder Pfarrer werde. Über den Entscheid, dass ich Ersteres werden sollte, war ich glücklich. Im Unterricht fühlte ich mich zu Hause.

Besonders bei jenen Kindern, denen das Lernen schwer fiel. Und dann hörten Sie einen entscheidenden Vortrag über blinde Menschen. Ja, der Herr Direktor Gotthilf Kul aus Zürich sprach über das Schicksal blinder und taubstummer Menschen.

Seine Worte trafen mich, wie sagen sie heute, deep ins Herz. Die Vorstellung, dass blinde Menschen ohne Ausbildung, ohne Perspektive, abhängig von Almosen leben mussten, erschien mir unerträglich. In Zürich, Lausanne und Könitz gab es bereits Einrichtungen.

Doch die Ostschweiz, ein weisser Fleck. Nichts. Da wusste ich, hier ruft mich eine Aufgabe.

Sie kündigten sogar Ihre Lehrerstelle. Ja, ein schwerer Schritt. Der Abschied von der Schule im Drogen fiel mir schwer.

Aber ich konnte nicht anders, meine Zeit wurde vom Verein gebraucht. Ich begann Vorträge zu halten, Menschen zu sensibilisieren. Und es geschah etwas, das ich kaum zu hoffen wagte.

Die Leute hörten zu und schlossen sich an. Der Verein startete mit 1688 Mitgliedern. Bald waren es über 40.000. Und wir fanden grosszügige UnterstützerInnen, darunter Marta Hane von der Helvetia.

Es entstanden erste Strukturen, ein Verkaufslokal an der Webergasse in St. Gallen, wo blinde Menschen ihre Arbeiten anbieten konnten. Und in dieser Zeit, 1903, heiratete ich auch. Meine Frau war mir und dem Verein eine grosse Stütze.

1907 war es dann soweit. Das erste Blindenheim in der Ostschweiz öffnete seine Türen. Ja, an der Bruckwaldstrasse.

Ein wunderschöner Ort. Wir wollten nicht nur ein Dach über dem Kopf bieten, sondern einen Ort der Bildung, der Musik, der Arbeit und der Gemeinschaft. Später kamen Werkstätten dazu, ein Altersheim für Blinde.

Ich wurde vom Vorstand zum Leiter des Heimes gewählt. Aber ich war auch oft unterwegs, um Spenden zu sammeln. Ein Einsatz, der viel Kraft kostete, aber ich tat es gerne.

Nicht für mich, sondern für die Menschen, die es brauchten. Sie waren ein unglaublicher Netzwerker. Und später gründeten sie auch jene Organisation, die heute Pro Infirmis heisst.

Die Schweizerische Vereinigung für Anormale, ja ein Name, der aus heutiger Sicht wohl befremdlich klingt, aber damals war es ein Schritt, um staatliche Unterstützung voranzubringen und Menschen mit Behinderungen aus dem Schatten zu holen. Herr Altherr, wenn Sie erlauben, ich würde Ihnen gerne erzählen, was aus Ihrem Werk geworden ist. Denn Obwita ist heute ganz anders und gleichzeitig ihrer Grundidee unglaublich treu.

Ich bin gespannt, was Sie berichten. Heute begleitet Obwita Menschen mit Sehbehinderungen, mit Entwicklungsschwierigkeiten und mit psychischen Beeinträchtigungen. Nicht nur beim Wohnen und bei der Pflege, sondern in der Ausbildung, im Arbeiten, in der Beratung, in der Integration.

Wir haben grosse Kompetenzzentren, moderne Beratungsstellen, Sehberatung für Kinder und Erwachsene, berufliche Abklärungen, Jobcoaching. Sie würden staunen, wie viele Wege es heute gibt, Menschen zu unterstützen. Jobcoaching? Ein sonderbares Wort.

Es bedeutet, dass junge Menschen auf ihrem Weg in Ausbildung und Beruf begleitet werden. Individuell, eng betreut, mit viel Unterstützung. Aha, ein Mentor an ihrer Seite.

Dann ist der Sinn klar, auch wenn das Kleid der Worte fremd klingt. Und es gibt viel mehr. Interne Berufsausbildungen in 16 Ausbildungsbereichen, mehrere Wohnformen, vom Wohnhaus über externe Wohnungen bis hin zum Bruckwald 51, Tagesstrukturen und Talentwerkstätten und grosse Produktionsbereiche, in denen 230 Mitarbeitende hochwertige Arbeit leisten, in Elektro-, Mechanik-, Pharma-, Food-, Ausrüsten- und sogar traditionellem Flechten.

230? In meiner Zeit wäre dies unvorstellbar gewesen, dass so viele Menschen mit Beeinträchtigung sinnvolle Arbeit finden. Wie fühlt es sich an, das zu hören? Mein Herz ist bewegt. Nicht aus Stolz, aber ich empfinde Tiefe.

Ja, Freude. Freude darüber, dass Menschen heute nicht länger am Rand stehen müssen. Freude, dass ihre Talente erkannt und gepflegt werden.

Freude, dass Gemeinschaft, Bildung und Würde auch nach 125 Jahren nicht an Bedeutung verloren haben. Es ist mehr, als ich zu hoffen wagte. Wenn Sie heute auf Obwita schauen, was wünschen Sie der Zukunft dieses Werks? Ich wünsche, dass Sie niemals vergessen, weshalb all dies begann, nämlich, weil kein Mensch verloren gehen soll.

Weil jeder Mensch, gleich wie er beschaffen sei, Teil unserer Gemeinschaft ist. Und ich wünsche Ihnen Mut. Denn jede Generation hat ihre eigenen Herausforderungen.

Wenn Sie Freude und Mitmenschlichkeit bewahren, dann wird auch die Zukunft reich gesegnet sein. Herr Alter, im Namen aller Menschen, die heute mit Obwita verbunden sind, Klientinnen, Klienten, Mitarbeitende, Angehörige, sage ich Danke. Danke für Ihr Wirken.

Danke für Ihren Mut. Und danke dafür, dass Sie uns heute begleitet haben. Ich danke Ihnen.

Und wenn Sie erlauben, ich gehe erfüllt zurück, wohin auch immer ich gehöre. In dem Wissen, dass dieses Werk in guten Händen ruht und mit Freude in die Zukunft blickt. Ein schöneres Schlusswort könnte es kaum geben.

Danke fürs Zuhören. Und bis zum nächsten Mal.

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