Nach einem tätlichen Angriff ist Pietros Sehvermögen stark eingeschränkt. Doch der 30-Jährige liess sich nie unterkriegen. Mithilfe von obvita hat er es in den ersten Arbeitsmarkt geschafft und baut seine berufliche Karriere kontinuierlich aus.
Pietro ist nur noch selten bei obvita, aber für dieses Gespräch kehrt er an seinen früheren Arbeitsort zurück. «Es ist schön, wieder einmal hier zu sein», sagt er auf dem Weg in den ersten Stock und trifft sogleich auf zwei ehemalige Arbeitskolleg:innen. Die Wiedersehensfreude ist bei allen Drei gross. Es wird geredet und gelacht. Schnell kommen alte Erinnerungen hoch. «Es ist, als wäre ich nie weg gewesen», sagt der 30-Jährige und schmunzelt.
Früher gehörte obvita zu seinem Alltag. Hier absolvierte er die KV-Lehre und stand auch in den ersten Jahren danach in regelmässigem Kontakt mit der Sehberatung. Heute ist das anders. Pietro arbeitet als Kundenberater bei der Helsana Versicherung in St. Gallen und benötigt die Begleitung durch die Sehberatung kaum noch. Das letzte Mal vor gut einem Jahr, als die Spitze des Signalstocks und jene des Ersatzstocks kaputt gingen. «Ich habe angerufen, und schon am nächsten Tag waren beide ersetzt», erzählt er. «Das funktioniert immer sehr unkompliziert.»
Neue Abteilung, mehr Verantwortung
Pietros Sehvermögen ist stark eingeschränkt. Ein tätlicher Angriff vor 15 Jahren führte zu einer verfrühten Netzhautablösung und zum Ausbruch des Grünen Stars. Seither sieht er auf dem rechten Auge nur noch fünf Prozent, auf dem linken zehn Prozent. Trotzdem wollte er im ersten Arbeitsmarkt Fuss fassen. Und das hat er geschafft, auch dank der Unterstützung durch obvita und Helsana. Seit gut vier Jahren arbeitet Pietro bei der Versicherung.

Zunächst betreute er Privatkund:innen, seit November 2025 ist er im Bereich Unternehmenskunden tätig. «Ich trage nun mehr Verantwortung und habe einen eigenen Kundenstamm.» Seine Arbeit gefällt ihm sehr. Besonders freut ihn, dass er seine Sprachkenntnisse in Deutsch, Italienisch, Französisch und Englisch praktisch täglich einsetzen kann.
«Am Anfang hatte ich Mühe, meine Beeinträchtigung anzunehmen»
Der Wechsel in die neue Abteilung war für ihn aber auch mit Unsicherheit verbunden. «Ich habe mich gefragt, wie es sein wird», sagt er. Viele hätten kaum Erfahrung im Umgang mit Menschen mit Sehbeeinträchtigung. Doch die Bedenken waren umsonst: Pietro wurde gut aufgenommen, seine Arbeit überzeugt. «Mittlerweile sehen alle, dass es super funktioniert.» Im Arbeitsalltag ist er auf technische Hilfsmittel angewiesen, etwa einen grossen Bildschirm, ein Lesegerät und Programme, die Texte vergrössern und vorlesen. In seiner Mobilität ist er wenig eingeschränkt. «Tagsüber komme ich gut zurecht», sagt er. «Erst wenn es dunkel wird, brauche ich den Signalstock.»
«Ich war in einem Tief»
So selbstverständlich, wie Pietro heute über seine Beeinträchtigung spricht, war es lange nicht. «Am Anfang hatte ich Mühe, sie anzunehmen», sagt er. Mit Anfang zwanzig musste er nicht nur lernen, mit dem Signalstock umzugehen, sondern sich auch von seinem ursprünglichen Plan verabschieden, einen akademischen Weg einzuschlagen. «Ich war in einem Tief, habe mich gefragt: Warum ich?» Unterstützung fand er in dieser Zeit bei obvita und in einem neunmonatigen Programm in Basel, wo er neue Strategien für Beruf und Alltag lernte. Prägend war vor allem der Austausch mit anderen Betroffenen. «Viele haben sich nicht unterkriegen lassen, und das hat mich motiviert», sagt er.
Heute schaut Pietro nach vorne und lässt sich auch von schlecht ausgeschilderten Baustellen, die er als eine der grössten Herausforderungen für Menschen mit Sehbeeinträchtigung bezeichnet, nicht aufhalten. Bewegung ist ihm wichtig, er spielt Golf und geht regelmässig ins Fitness. Beruflich verfolgt er klare Ziele. Er will eine Weiterbildung im Bereich Sozialversicherungen abschliessen und sein Englisch verbessern. Später kann er sich eine Führungsfunktion gut vorstellen. Doch das eile nicht. «Ich bin jung und habe Zeit», sagt er und verabschiedet sich. Als er den Gang entlanggeht, begegnen ihm weitere bekannte Gesichter. Erneut ein herzliches Wiedersehen.
Weitere Beiträge über Pietro Tinella
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